URKRAFT - Lebenszyklus ZWEI - LAGA - Bad Nenndorf
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URKRAFT
LEBENSZYKLUS II
Zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, Widerstand und der Kraft, sich seinen Raum zurückzuholen.

Nach der FLORALEN DUFTEXPLOSION, einer Ausstellung über Fülle, Wahrnehmung und die Frage, was in unserer heutigen Welt eigentlich noch echt ist, wollten wir im zweiten Lebenszyklus genau dorthin zurück, wo kein Mensch etwas erfunden hat.
Zur Natur.
Denn während wir Menschen ständig versuchen, unsere Umgebung zu planen, zu optimieren und zu kontrollieren, folgt die Natur ihren eigenen Regeln.
Wir bauen Straßen, Häuser und Städte. Wir ziehen Grenzen, versiegeln Flächen, schneiden Pflanzen in Formen und bestimmen, wo etwas wachsen darf und wo nicht.
Und manchmal braucht die Natur nur einen winzigen Riss im Beton, um uns daran zu erinnern:
Natur sucht sich ihren eigenen Weg - wie Wasser.
Genau an diesem Punkt begann unsere zweite Ausstellung auf der Landesgartenschau Bad Nenndorf 2026.

URKRAFT.
Wie viel Kontrolle haben wir eigentlich wirklich?
Wir wollten Natur in dieser Ausstellung nicht romantisieren.
Natur ist nicht nur schön.
Sie ist nicht nur Blüte, Duft und ein perfekt gewachsener Garten.
Natur kann sanft sein und gleichzeitig unglaublich brutal. Sie erschafft, verdrängt, überwuchert, verändert und zerstört. Und aus etwas Vergangenem entsteht irgendwann wieder etwas Neues. Sie braucht dafür weder unsere Zustimmung noch unseren Zeitplan.
Genau deshalb haben wir in URKRAFT Dinge miteinander verbunden, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören.
Schwere Steine schwebten über unseren Köpfen.
Möbel, die eindeutig aus unserer menschlichen Welt stammen, wurden von Pflanzen eingenommen und überwuchert.
Nebel nahm dem Raum seine Klarheit.
Wurzeln, Äste, Pflanzen, Blüten und ungewöhnliche Materialien durchbrachen die von uns geschaffene Ordnung.
Wir wollten einen Moment erzeugen, in dem man nicht mehr genau wusste:
Wer gestaltet hier eigentlich wen?
Beherrschen wir die Natur?
Oder lässt sie uns nur eine Weile glauben, dass wir es tun?

Was bedeutet eigentlich Kraft?
Während wir URKRAFT kuratierten, wurde uns ziemlich schnell klar, dass diese Ausstellung nicht nur von der Kraft der Natur erzählen konnte. Denn das Wort Kraft betrifft uns Menschen genauso. Nur haben wir ein ziemlich merkwürdiges Verhältnis dazu entwickelt. Wir verbinden Stärke häufig damit, alles auszuhalten. Weiterzumachen. Zu funktionieren. Nicht umzufallen. Dabei zeigt uns ausgerechnet die Natur, dass Kraft vollkommen anders aussehen kann.
Ein Baum gibt im Wind nach. Eine Pflanze verändert ihre Wuchsrichtung, wenn sie kein Licht bekommt. Wurzeln suchen sich einen anderen Weg, wenn sie auf Widerstand stoßen. Eine Pflanze, die an einem Ort nicht weiterwachsen kann, versucht nicht aus Prinzip, genau dort geradeaus weiterzumarschieren.
Natur reagiert, sie verändert sich und passt sich an. Vielleicht ist genau das eine Form von Stärke, die wir Menschen viel zu selten anerkennen.
Kraft bedeutet nicht, unverändert zu bleiben.
Manchmal bedeutet Kraft, sich verändern zu können.

Wenn etwas überwuchert wird
Dinge, die einmal eine klare Funktion hatten, wurden Stück für Stück von Natur eingenommen. Ein Möbelstück steht normalerweise für etwas sehr Menschliches: Wir haben es entworfen, gebaut und ihm eine Funktion gegeben. Und plötzlich wächst etwas darüber. Unsere Ordnung verschwindet. Die Grenzen werden unscharf. Irgendwann ist nicht mehr das Möbel das Wichtigste, sondern das Leben, das darauf entstanden ist.
Auch das kennen wir aus unserem eigenen Leben. Wir machen Pläne. Wir glauben zu wissen, wie unser Leben aussehen soll. Wir haben Vorstellungen von Beziehungen, Familie, Beruf, Erfolg und Zukunft. Und dann passiert Leben. Etwas wächst über unseren sorgfältig ausgearbeiteten Plan. Manchmal wunderschön. Manchmal ziemlich schmerzhaft und häufig vollkommen anders, als wir es vorgesehen hatten.
Die Frage ist dann nicht mehr, wie wir unseren ursprünglichen Zustand zurückbekommen.
Sondern:
Was kann aus dem entstehen, was jetzt da ist?

Wenn schwere Dinge plötzlich schweben
Über unserem Spiegel schwebten in URKRAFT massive Steine - handgearbeitet aus Pulp.
Ein Bild, das eigentlich nicht funktionieren dürfte. Steine sind schwer. Sie gehören auf den Boden. Sie fallen. Und trotzdem schwebten sie über den Köpfen unserer Besucher. Auch diese Irritation war gewollt.
Denn vieles, was wir für unumstößlich halten, ist zunächst nur eine Erwartung.Wir sehen einen Stein und unser Kopf kennt sofort seine Regeln.Schwer. Massiv. Unbeweglich. Und plötzlich stimmt eine dieser Regeln nicht mehr.
Vielleicht brauchen wir solche Momente manchmal auch in unserem eigenen Leben.
Momente, in denen etwas, von dem wir überzeugt waren, dass es unmöglich ist, plötzlich doch passiert. Nicht weil die Schwerkraft aufgehört hätte zu existieren. Sondern weil jemand einen anderen Weg gefunden hat, mit ihr umzugehen.

Der Nebel
Unsere Nebelvorhänge nahmen den Besuchern für einen Moment die klare Sicht. Auch das war mehr als ein räumlicher Effekt. Wir Menschen mögen Klarheit.
Wir möchten wissen, was als Nächstes passiert. Wir planen Termine, Karrieren, Beziehungen und am liebsten gleich die kommenden Jahre. Nur interessiert sich das Leben erstaunlich wenig für unseren Kalender. Manchmal stehen wir in Situationen, in denen wir den nächsten Schritt eben nicht sehen. Dann bleibt uns nur, weiterzugehen.
Vielleicht ist Unsicherheit deshalb nicht immer ein Zustand, den wir möglichst schnell beseitigen müssen. Vielleicht gehört sie schlicht dazu. Man muss nicht immer das Ende des Weges sehen, um den nächsten Schritt gehen zu können.
Was gibt uns Kraft?
Und dann kam ein Werkstück, bei dem wir einen Teil der Gestaltung bewusst aus der Hand gegeben haben.
Unser Kraftbaum.
Wir haben unsere Besucher gefragt:

Was gibt Ihnen Kraft?
Die Antworten wurden auf Karten geschrieben und an den Baum gehängt. Mit jedem Besucher veränderte sich das Werkstück. Irgendwann erzählte dieser Baum nicht mehr unsere Geschichte. Er erzählte die Geschichten der Menschen, die durch unsere Ausstellung gegangen waren.
Familie.
Kinder.
Partner.
Freunde.
Liebe.
Natur.
Glaube.
Erinnerungen.
Hoffnung.
Berufung.
Manche Antworten waren groß. Andere bestanden aus Dingen, die von außen vollkommen unspektakulär erscheinen. Genau darin lag für uns eine der wichtigsten Erkenntnisse von URKRAFT. Wir sprechen ständig davon, wie stark ein Mensch ist. Dabei kommt erstaunlich viel von dieser Stärke gar nicht aus ihm allein. Sie kommt von Menschen, Beziehungen, Erfahrungen und Dingen, an denen wir uns festhalten können. Vielleicht ist Stärke deshalb gar keine Einzelleistung.
Was bleibt von unserer Kraft?
Die Karten unseres Kraftbaumes wurden nach der Ausstellung nicht einfach entsorgt. Denn sie waren für uns längst kein Dekorationsmaterial mehr.
Sie waren persönliche Gedanken von Menschen, die uns für einen kurzen Moment erzählt hatten, was sie im Leben trägt. Damit entstand bereits eine Verbindung zum letzten Lebenszyklus ERDENWERK. Denn wenn Menschen unsere Kraftquelle sind, dann sind sie vielleicht auch ein Teil unserer Wurzeln.

Natur ist kein Gegenüber
Vielleicht liegt einer unserer größten Denkfehler darin, dass wir ständig von „Mensch und Natur“ sprechen. Als wären das zwei verschiedene Dinge. Hier wir. Dort die Natur. Dabei bestehen wir aus genau den Stoffen, Kreisläufen und Abhängigkeiten, die wir so gerne von uns trennen.
Wir brauchen Wasser. Wir brauchen Nahrung. Wir brauchen Licht. Wir brauchen Regeneration. Wir wachsen. Wir verändern uns. Wir altern. Und irgendwann gehen auch wir zurück in denselben Kreislauf. Vielleicht fasziniert uns die Kraft der Natur deshalb so sehr, weil wir tief in uns wissen, dass wir sie nicht nur beobachten.
Wir sind ein Teil davon.

Floristik als Sprache
Auch in URKRAFT ging es uns deshalb nicht darum, eine Halle einfach mit möglichst spektakulären Blumen zu füllen. Wir wollten einen Gedanken räumlich übersetzen. Dafür haben wir Pflanzen, Schnittblumen, Wurzeln, Äste, Stein, Holz, Nebel und bestehende Gegenstände miteinander verbunden. Materialien durften ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren. Schwere durfte leicht werden. Menschengemachtes durfte überwuchert werden. Ordnung durfte verschwinden. Floristik war dabei wieder unsere Sprache. Denn unser Handwerk kann Natur nicht nur arrangieren. Es kann mit ihr Bilder erzeugen, die etwas erzählen. Und manchmal kann aus einem überwucherten Möbelstück eine ziemlich präzise Frage über unser eigenes Leben entstehen.
URKRAFT war deshalb keine Ausstellung darüber, dass Natur stärker ist als der Mensch. Das wäre uns viel zu einfach gewesen. Sie handelte von dem Verhältnis zwischen Kontrolle und Veränderung. Von Widerstand und Anpassung. Von der Kraft, die in der Natur liegt. Von der Kraft, die wir Menschen brauchen, wenn unsere sorgfältig geplante Ordnung plötzlich nicht mehr funktioniert.
Vielleicht besteht Stärke gar nicht darin, niemals umzufallen. Vielleicht besteht sie darin, nach einem Sturm nicht zwanghaft wieder genauso wachsen zu wollen wie vorher.
Sondern herauszufinden, in welche Richtung jetzt Licht ist.
Genau dort begann für uns der nächste Lebenszyklus.
Denn nachdem wir uns mit der Kraft beschäftigt hatten, die von außen auf uns wirkt, und mit dem, was uns innerlich trägt, wollten wir noch tiefer gehen. Was passiert eigentlich in uns, wenn wir lieben, verlieren, hoffen, zweifeln oder Angst haben? Kann man etwas sichtbar machen, das keinen Körper besitzt? Kann Floristik einem Gefühl eine Form geben? Unsere Reise führte vom Äußeren ins Innere.
ERBLÜHEN – finden Sie in unserem nächsten Blog-Beitrag.
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