ERBLÜHEN Landesgartenschau Bad Nenndorf Lebenszyklus 3
Share
ERBLÜHEN
LEBENSZYKLUS III
Zwischen dem, was wir fühlen, dem, was andere sehen, und der Frage, ob Gefühle überhaupt eine eindeutige Form besitzen.
Wir alle fühlen.
Wir lieben, hoffen, zweifeln, trauern, sind glücklich, verletzt, wütend oder voller Sehnsucht. Manchmal empfinden wir mehrere dieser Gefühle gleichzeitig. Manchmal können wir selbst nicht genau erklären, was gerade in uns vorgeht.
Und trotzdem versuchen wir ständig, Gefühle zu verstehen, einzuordnen und zu benennen.
Dabei gibt es etwas Bemerkenswertes: Wir verwenden dieselben Wörter, obwohl wir nicht wissen können, ob wir tatsächlich dasselbe empfinden.
Ist meine Liebe Ihre Liebe? Empfinden wir Trauer gleich? Und sieht Angst für jeden Menschen gleich aus?
Wie würde ein Gefühl aussehen, wenn es einen Körper hätte?
Genau mit dieser Frage begann unsere dritte Ausstellung auf der Landesgartenschau Bad Nenndorf 2026.
ERBLÜHEN.
Die nackte Tatsache unserer Gefühle
Warum sind meine Gefühle eigentlich nackt – und weiblich?
Diese Frage lässt sich tatsächlich ziemlich gut beantworten.
Für ERBLÜHEN haben wir weiße, unbekleidete Schaufensterfiguren gewählt, deren Köpfe wir durch florale Interpretationen menschlicher Gefühle und innerer Zustände ersetzt haben.
Die Nacktheit war dabei eine bewusste gestalterische Entscheidung.
Denn wir wollten die nackte Tatsache unserer Gefühle zeigen.
Ohne Kleidung, die etwas über unseren Geschmack verrät. Ohne Statussymbole, Beruf, gesellschaftliche Stellung oder die vielen äußeren Merkmale, anhand derer wir Menschen gewöhnlich beurteilen.
Was bleibt von einem Menschen, wenn wir all das weglassen?
Sein Körper. Seine Verletzlichkeit. Und seine Gefühle.
Die Figuren sollten deshalb nicht erzählen, wer ein Mensch gesellschaftlich ist, sondern sichtbar machen, was in ihm vorgeht.

Aber warum weibliche Figuren?
Zunächst einmal, weil es keine geeigneten geschlechtsneutralen Schaufensterfiguren gab.
Männliche Figuren waren außerdem rund 60 Euro pro Stück teurer. Bei einer solchen Anzahl macht das durchaus einen Unterschied.
Viel entscheidender war für mich aber eine andere Überlegung.
Wie hätte ich die Gefühle sinnvoll auf männliche und weibliche Figuren verteilen sollen?
Wäre Wut dann männlich gewesen und Trauer weiblich? Hätte ich Liebe einer Frau und Stärke einem Mann zugeordnet?
Allein diese Entscheidung hätte eine Aussage erzeugt, die ich überhaupt nicht treffen wollte.
Denn Gefühle haben kein Geschlecht.
Ich wollte deshalb eine einheitliche Form, die nicht von der eigentlichen Geschichte ablenkt.
Und persönlich empfinde ich die weibliche Körperform auch als Sinnbild für Ursprung, Geburt und Entstehung.
Aus einem weiblichen Körper kann neues Leben entstehen. Und aus unserem Inneren entstehen Gefühle, Gedanken und Entwicklungen, die unser Leben prägen.
Für mich passte diese Verbindung zu ERBLÜHEN.

Kann man Gefühle überhaupt darstellen?
Wir haben versucht, menschliche Empfindungen mit floristischen Mitteln sichtbar zu machen.
Dabei ging es nicht darum, einer glücklichen Figur einfach gelbe Blumen und einer traurigen Figur dunkle Blüten aufzusetzen.
Das wäre mir zu einfach gewesen.
Denn Gefühle bestehen nicht nur aus Farben.
Sie haben für uns auch Formen, Bewegungen, Spannungen, Strukturen und Richtungen.
Manche Gefühle scheinen über uns hinauszuwachsen. Andere ziehen uns zusammen. Manche wirken leicht und offen, andere schwer, eng oder unruhig.
Deshalb haben wir mit unterschiedlichen Blütenformen, Materialien, Farben, Höhen, Linien und Proportionen gearbeitet.
Floristik wurde zur Interpretation dessen, was wir normalerweise nicht sehen können.
Und genau darin lag die eigentliche Herausforderung.
Wie gestaltet man etwas, das jeder kennt, aber niemand auf dieselbe Weise erlebt?

Liebe ist nicht immer nur schön
Wir wollten Gefühle nicht isoliert betrachten.
Denn unsere Empfindungen sind selten so eindeutig, wie ihre Namen vermuten lassen.
Liebe kann Geborgenheit bedeuten, aber auch Verlustangst, Eifersucht oder Besessenheit auslösen.
Trauer kann aus Liebe entstehen.
Hoffnung kann unmittelbar neben Verzweiflung existieren.
Selbstliebe kann das Ergebnis eines langen, schmerzhaften Prozesses sein.
Und ein Mensch kann nach außen vollkommen glücklich wirken, während er innerlich mit Zweifeln kämpft.
Deshalb haben wir Gefühle und verwandte Zustände bewusst in Zusammenhänge gebracht.
Nicht als voneinander getrennte Kategorien, sondern als unterschiedliche Ausprägungen menschlichen Erlebens.
Denn manchmal liegt zwischen zwei Gefühlen weniger Abstand, als wir glauben.
Wo hört Liebe auf und wo beginnt Besessenheit?
Kann man gleichzeitig glücklich und traurig sein?
Und wer entscheidet eigentlich, wann ein Gefühl zu viel wird?

Was sehen wir, wenn wir andere Menschen betrachten?
Mit ERBLÜHEN wollten wir nicht nur Gefühle darstellen.
Wir wollten auch zeigen, wie unterschiedlich wir Menschen wahrnehmen.
Denn eine florale Interpretation ist zunächst meine persönliche Sicht auf ein Gefühl.
Ein Besucher kann darin aber etwas vollkommen anderes erkennen.
Wo ich vielleicht Melancholie sehe, empfindet jemand anderes Ruhe.
Eine Gestaltung, die für mich Wut ausdrückt, kann bei einem anderen Menschen Stärke auslösen.
Und plötzlich geht es nicht mehr ausschließlich um das Werkstück.
Es geht um den Betrachter.
Um seine Erfahrungen, Erinnerungen und seine persönliche Geschichte.
Wir sehen einen Menschen nie vollkommen unabhängig von uns selbst.
Wir betrachten ihn immer auch durch das, was wir erlebt haben.
Vielleicht ist deshalb nicht die entscheidende Frage, ob jemand ein Gefühl richtig erkannt hat.
Vielleicht ist viel interessanter, warum er gerade dieses Gefühl darin sieht.

Was passiert eigentlich in unseren Köpfen?
Die Köpfe unserer Schaufensterfiguren wurden zu floralen Skulpturen.
Denn unser Kopf ist der Ort, an dem wir versuchen, die Welt zu verstehen, Erlebnisse einzuordnen und unseren Gefühlen einen Sinn zu geben.
Was wir von außen sehen, verrät dabei erstaunlich wenig über das, was innen geschieht.
Ein Mensch kann lächeln und traurig sein.
Er kann selbstbewusst auftreten und gleichzeitig Angst haben.
Er kann schweigen, obwohl seine Gedanken ununterbrochen kreisen.
Deshalb haben wir auch mit Gedankenwolken, schwebenden Elementen und unterschiedlichen räumlichen Ebenen gearbeitet.
Die Gestaltung sollte sich nicht auf den Körper der Figuren beschränken.
Gedanken und Gefühle nehmen schließlich ebenfalls Raum ein, auch wenn sie unsichtbar bleiben.
Wir wollten diesen inneren Raum nach außen holen.
Kopf oder Herz?
Eine weitere Frage, die uns bei der Gestaltung beschäftigt hat, war die nach unserem vermeintlichen Gegensatz zwischen Verstand und Gefühl.
Sind Sie ein Kopf- oder ein Herzmensch?
Wir stellen diese Frage erstaunlich selbstverständlich.
Dabei lassen sich Denken und Fühlen nicht so sauber voneinander trennen.
Unsere Gefühle beeinflussen Entscheidungen, und unsere Gedanken können Gefühle verstärken, verändern oder beruhigen.
Manchmal wissen wir ganz genau, was vernünftig wäre, und entscheiden trotzdem anders.
Manchmal versuchen wir, ein Gefühl mit Argumenten zu erklären, obwohl es sich überhaupt nicht logisch anfühlt.
Vielleicht sind Kopf und Herz deshalb keine Gegner.
Vielleicht versuchen beide nur auf unterschiedliche Weise, uns durch unser Leben zu führen.

Warum Blumen?
Blumen sind für diese Geschichte ein ungewöhnlich passendes Material.
Sie sind lebendig, verändern sich und besitzen keine dauerhafte Form.
Eine Blüte öffnet sich, erreicht ihren Höhepunkt und vergeht.
Manche Pflanzen wachsen geradlinig, andere winden sich, hängen über, verzweigen sich oder suchen ihren eigenen Weg.
Und genau diese Eigenschaften können wir gestalterisch nutzen.
Für ERBLÜHEN haben wir unter anderem mit Rosen, Gladiolen, Gerbera, Allium, Hortensien, Rittersporn, Celosien, Sonnenblumen, Artischocken, Scabiosen, Astrantien, Clematis, Phlox, Achillea und zahlreichen weiteren Schnittblumen gearbeitet.
Entscheidend war nie allein die Blütensorte.
Entscheidend war, welche Wirkung wir mit ihrer Farbe, Struktur, Bewegung und Form erzeugen konnten.
Eine Blume musste nicht einfach schön sein.
Sie musste etwas erzählen.

Was bringen wir zum Erblühen?
Der Titel ERBLÜHEN klingt zunächst positiv.
Wir verbinden ihn mit Entwicklung, Schönheit, Wachstum und dem Moment, in dem etwas seine ganze Wirkung entfaltet.
Aber Erblühen setzt voraus, dass vorher etwas gewachsen ist.
Und Wachstum verläuft nicht immer angenehm.
Manchmal verändern uns gerade die Erfahrungen, auf die wir gerne verzichtet hätten.
Manchmal müssen wir etwas verlieren, bevor wir erkennen, was uns wirklich wichtig ist.
Manchmal braucht ein Mensch Jahre, bis er sich erlaubt, so zu sein, wie er tatsächlich ist.
Vielleicht bedeutet Erblühen deshalb nicht, immer glücklich zu sein.
Vielleicht bedeutet es, die gesamte Bandbreite unserer Gefühle als Teil unseres Lebens anzuerkennen.
Denn ohne Verletzlichkeit gäbe es viele Formen von Nähe nicht.
Ohne Trauer würden wir möglicherweise anders über Liebe denken.
Und ohne Zweifel würden wir manche Entscheidungen niemals hinterfragen.

Floristik als Sprache
Mit ERBLÜHEN wollten wir zeigen, dass Floristik nicht nur Räume schmücken, sondern auch das Innere eines Menschen nach außen übersetzen kann.
Wir haben keine Blumenarrangements auf Schaufensterfiguren gesetzt, um sie hübscher zu machen.
Wir haben versucht, aus Blumen Gefühle zu formen.
Und damit auch Fragen zu stellen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt.
Denn das Spannende an ERBLÜHEN war für mich nie, ob jeder Besucher die von uns dargestellten Emotionen richtig zuordnen konnte.
Viel spannender war, was die Menschen selbst darin erkannten.
Welche Figur sie berührte.
Welche sie irritierte.
Und in welcher sie vielleicht etwas von sich selbst wiederfanden.
ERBLÜHEN war deshalb keine Ausstellung darüber, wie Gefühle aussehen müssen.
Sie war eine Einladung, genauer hinzusehen.
Bei anderen Menschen.
Und vielleicht auch bei sich selbst.
Denn wir alle fühlen, aber wir fühlen nicht alle gleich.
Und wir wissen oft erstaunlich wenig darüber, was in einem anderen Menschen wirklich vorgeht.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger schnell beurteilen und häufiger versuchen zu verstehen.

Was hält uns eigentlich?
Nach der FLORALEN DUFTEXPLOSION, in der wir unsere Wahrnehmung und die Überfülle unserer Gegenwart hinterfragt haben, und URKRAFT, in der es um Natur, Veränderung und innere Stärke ging, haben wir mit ERBLÜHEN den Blick in den Menschen gerichtet.
Wir haben versucht, sichtbar zu machen, was uns innerlich bewegt.
Doch damit entstand eine weitere Frage.
Wenn wir alle unterschiedlich fühlen, unterschiedlich aufwachsen und unterschiedlich auf die Welt reagieren:
Was gibt uns eigentlich Halt?
Was brauchen wir, um wachsen zu können?
Wer sind die Menschen, die uns tragen?
Und was hinterlassen wir denen, die nach uns kommen?
Diese Fragen führten uns zurück zum Ursprung allen Wachstums.
Zur Erde unter unseren Füßen.
Zu unseren Wurzeln.
Und zu der Erkenntnis, dass wir zwar alle auf derselben Erde stehen, aber längst nicht auf demselben Boden beginnen.
ERDENWERK – finden Sie in unserem nächsten Blog-Beitrag.

GÄRTNEREIEN UND HÄNDLER:
@Fleurametz
@kallaland_bv
@klondikegardens
@sprayrosesbydeopstal
@lugtlisianthus
@mulderasparagus
@peeters_hortensia_s
@campanuloveflowers
@phalaenopsisbywalter
@rosaplaza_flowers
@villa.gerbera
UMBAUTEAM FLORISTEN
TEAMLEITER:
Katja Schmidt
Anja Schu
Nadine Riggers-Möller
UMBAUTEAM
Tabea Janßen
Diana Wenderoth
Katja Zimbelmann
Laura Riechers
Katharina Rex
Barbara Hetzler
Claudia Arnold
Nele Pelz
Claudia Hofmann
Christine Streller
Sandra Grebe
Heike Bülling-Ittner
Maike von Eynern
Nadine Friesen
TEAM MILLES FLEURS
FOTOGRAFIE: Diana Frohmüller
BALLONDESIGN: Ballon Boutique Hannover









































































































